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Donnerstag, Juni 22nd, 2017

N_78038_1_lN_78041_1_lN_78039_1_lN_78037_1_lN_78040_1_lAuf Grund der sehr guten Resonanz der Onkel Pö Reihe sendet das NDR Fernsehen am 28.06.2017 um 21:00 Uhr zur besten Sendezeit nochmals den Film über das Onkel Pö!

Es war brütend heiß, die Luft zum Schneiden, katastrophal verraucht, das Bier war nach zehn Metern zurück an den handtuchschmalen Stehplatz schon fast warm. Ich war so 18 Jahre alt und zum ersten Mal im „Onkel Pö“.
„Onkel Pös Carnegie Hall“ sagte damals schon niemand mehr, die meisten beließen es bei „Pö“. Damit es sich so anhörte, als ginge man dort ein und aus. Auf der Bühne stand ein langer, hagerer Schlacks mit Brille und Gitarre und durchgeschwitztem Hemd und wollte sich verabschieden, nach 45 Minuten. Seine Band hieß Gesundes Volksemfinden und zählte zu den besseren der Neuen Deutschen Welle, manchmal klang die Musik, als habe jemand heimlich zwei Free Jazzer auf einen Kindergeburtstag gestellt. Der Typ mit der Gitarre sang auch, hieß Piet Klocke und wurde später mal als Comedian berühmt. Hier war er es noch nicht und war gerade etwas bedrückt, weil er nach einem Album jetzt alle ihm bekannten Titel gespielt hatte, die Leute aber keine Ruhe gaben. Und dann spielte er das ganze Repertoire einfach noch einmal. Verklebt, hundemüde, mit schmerzenden Füßen und drei Brandlöchern im T-Shirt fuhr ich heim und erzählte am nächsten Tag auf dem Schulhof, das „Pö“ (ohne den Onkel) sei „einfach endgeil“. Damals noch ein ziemlich neues und nicht überall ungefährliches, aber verdammt cooles Wort.
Weil jeder, der den Laden am Lehmweg noch erleben durfte, solche Geschichten wied er und wieder erzählt bis heute, da das „Pö“ doch schon seit gut 31 Jahren Geschichte ist, wurde die Eckkneipe in die Riege der Legenden aufgenommen. Dazu beigetragen hat natürlich auch die Liste anderer Legenden, die hier spielten, obwohl sie schon damals Stars waren oder weil sie noch welche werden wollten. U2 zum Beispiel, vor 100 Leuten, die Bono auf die Schuhe hätten aschen können. Jetzt aber, da die Erinnerungen an das „Pö“ doch langsam vergilben, werden sie ganz unerwartet wieder wachgerufen. Und siehe da: Die alten Bilder sind sofort alle wieder da, man glaubt beinahe, die vollen Aschenbecher und Bierfahnen zu riechen.
Der NDR-Redakteur Stefan Gerdes, sein Kollege Axel Dürr sowie Produzent Joachim Becker sind in die Archive des NDR gestiegen, der nicht nur zeitweilig seine Talkshow aus dem „Onkel Pö“ übertrug, sondern auch etliche Konzerte dort mitschnitt. Drei davon werden nun am 17. März auf CD und dankenswerterweise auch als Vinyl erscheinen, zwei weitere folgen am 7. April. Was aber ist von den ollen Kamellen aus den Jahren 1976 bis 1981 zu erwarten? Die Antwort fällt unerwartet euphorisch aus. Weil Tontechniker John Cremer die betagten Bänder auf ausschließlich analogem Equipment sorgsam und liebevoll remastert hat, klingen die teils epischen Konzerte ziemlich genau so, wie ältere Mitbürger das aus dem „Pö“ erinnern. Nur das Gläserklirren und die Rauchschwaden muss, wer sie denn vermisst, daheim im Wohnzimmer nachstellen.
Die damals allesamt vom kürzlich verstorbenen NDR-Mann Michael Naura produzierten Mitschnitte führen zudem zurück in eine Zeit, als das Formatradio noch ferne Zukunft war. Lediglich das Konzert von Johnny „Guitar“ Watson von 1976 findet Platz auf nur einer CD, die Auftritte von Chet Baker (1979), Dizzy Gillespie (1978), Albert Collins and The Icebreakers (1980) und der Elvin Jones Jazz Machine (1981) benötigen derer zwei. Das jedoch wäre noch nicht ungewöhnlich. Ein Chet Baker aber füllte die 100 Minuten mit fünf Titeln, deren kürzester sechzehneinhalb und deren längster knapp 28 Minuten dauerte. Elvin Jones spielte damals gar 134 Minuten lang, die Besucher bekamen in dieser Zeit sieben Songs zu hören, darunter mit dem 31-mintigen „Doll of the Bride“ den Rekordhalter der Reihe.
Natrlich geht es um die Songlängen hier nur am Rande. Spannend ist ebenso die Epoche, aus der die Aufnahmen stammen. Dizzy Gillespie etwa näherte sich in diesen Tagen den damals populären Funky Tunes an, während ein Johnny „Guitar“ Watson dem archaischen Funk und Blues seiner frühen Tage inzwischen die neuen Freunde aus dem Jazzlager zu begrüßen schien. Das alles in einem Sound, der eben nicht jenes digitale Sperrfeuer auf jeden noch so kleinen Fauxpas der Aufnahmen richtet, wie das heute bei Live-Mitschnitten üblich ist und deshalb dieselben längst obsolet hat werden lassen. Diese Reihe ist eine noch viel zu kurze Perlenkette, laut Stefan Gerdes werden den ersten fünf auf jeden Fall weitere folgen. Al Jarreaus Karrierestart im „Pö“ hatte damals ja auch der NDR mitgeschnitten. Hoffentlich hält nach dessen Tod nicht irgendein geldgieriges Management die Rechte.
Text von Stefan Krulle