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VP_80006„Wenn man versuchen sollte, dem Rock’n’Roll einen anderen Namen zu geben, könnte man ihn ‚Chuck Berry‘ nennen“ – in diese einfachen Worte fasste kein geringerer als John Lennon den Mythos Chuck Berry. Mit Songs wie „Maybellene“, „Roll Over Beethoven“, „Memphis Tennessee“ oder „Johnny B. Goode“ kreierte Berry Mitte der 50er Jahre nahezu im Alleingang den Rock’n’Roll, und als er am 18. März 2017 im Alter von 90 Jahren starb, nahm die letzte der großen Musiklegenden dieser Zeit ihren Abschied von der Bühne. Und das ist mehr als nur eine Metapher: Bis in die 90er hinein hatte Berry jedes Jahr an die hundert Konzerte gespielt, zuletzt stand er an Silvester 2011 mit 84 Jahren auf der Bühne. Klar waren die Finger zuletzt nicht mehr so schnell wie zu Beginn seiner Karriere, und die Knie machten den berühmten „Duck Walk“, mit dem er zu seinen bluesigen Soli über die Bühne watschelte vermutlich auch nicht mehr mit – aber Berry blieb bis zuletzt ein Show Man allererster Güte.

Neben seiner genialen Verbindung von Blues und Country, der Einführung der E-Gitarre als Solo-Instrument und seinen Entertainer-Qualitäten besteht sein musikalisches Verdienst vor allem im Songwriting. Berry sang zu einem jugendlichen Publikum über typische Teenager-Probleme und Erfahrungen, und er tat dies nicht von oben herab, sondern mit Esprit, Humor und einer guten Spur Auflehnung gegen die steife Welt der Erwachsenen. Bei ihm wurden Songs zum ersten Mal kleine Geschichten mit cleveren Pointen, etwa, wenn sich in „Memphis Tennesse“ erst in der letzten Zeile herausstellt, dass die vom Sänger so schmerzlich vermisste „Marie“ nicht etwa seine große Liebe, sondern ein sechsjähriges Mädchen ist, oder wenn in „No Particular Place To Go“ am Ende ein romantischer Roadtrip mit der Freundin im neuen Auto zum Desaster wird, weil sich der Sicherheitsgurt nicht mehr lösen wird – es waren Songs wie diese, umrahmt von den ikonischen Gitarrenriffs, die die Beatles oder die Rolling Stones dazu inspirierten, sich selbst als Songwriter zu versuchen, und ihre eigene Welt in ihren Geschichten zu erschaffen; es waren diese Songs, wegen denen Bob Dylan Chuck Berry den „Shakespeare des Rock’n’Roll“ nannte, und wegen denen Leonard Cohen einmal sagte: „Wir sind alle nur Fußnoten in den Worten von Chuck Berry.“

Zu seinem 90. Geburtstag im Herbst 2016 hatte Chuck Berry noch ein neues Album angekündigt, das 2017 erscheinen soll: „Chuck“, das erste Berry-Album mit neuen Songs seit neununddreißig Jahren. Man darf gespannt sein auf dieses ganz besondere Vermächtnis.

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