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Nachruf David Bowie

Wohl kaum ein Künstler hat die Glamrock- und Pop-Szene im letzten Jahrhundert so geprägt wie David Bowie. Als schüchterner Junge in einer Patchworkfamilie mit „britisch unterkühlten“ Eltern aufgewachsen, entdeckte er in der Pubertät die Musik als Ausdrucksform für sein Seelenleben. Am Anfang in verschiedenen Bands, wurde er als Solokünstler mit „The Rise and Fall of Ziggy Stardust and the Spiders from Mars“ endgültig zur Ikone. Seine mitunter homoerotisch anmutenden Bühnenshows und wechselnden Rollen machten ihn zu einer musikalischen Kunstfigur. Er ließ sich von wechselnden Einflüssen inspirieren, sodass man ihn in keine Schublade einordnen konnte.

David Bowie starb am 10. Januar, zwei Tage nach seinem 69. Geburtstag und der Veröffentlichung seines neuen Albums „Blackstar“. Nun bekommt besonders seine zweite Singleauskopplung dieses Albums „Lazarus“ eine neue Bedeutungsdimension. Im Video sieht man den ausgemergelten, ans Bett gefesselten Bowie, der den Song mit den Worten „Look up here, I’m in heaven“ beginnt. Mit dem Wissen um Bowies Tod geht einem das Video durch Mark und Bein, besonders, weil der Protagonist durch eine Augenbinde mit Knöpfen als Augen schon sehr „entmenschlicht“ wirkt, so als wäre er nicht mehr wirklich auf der Erde. Auch der für den Song gewählte Name „Lazarus“ suggeriert eine morbide Stimmung: Lazarus wurde im neuen Testament von Jesus vom Tod auferweckt, diese Geschichte endet also gut. Bowies Lazarus bleibt sich selbst überlassen im kargen Krankenzimmer. Sein in Glitzer gekleidetes Alter Ego, das sich im Video immerhin aufraffen kann, ein Testament zu verfassen, zieht sich in der Schlussszene in einen Holzschrank zurück, hier drängt sich die Assoziation zum Sarg auf.

Unendlich lassen sich dieser und auch die anderen Songs auf „Blackstar“ im Hinblick auf Bowies Tod deuten, fest steht nur, dass sich der Künstler wohl „etwas gedacht hat“ bei der Entwicklung des Albums, während der er schon von seiner Krebserkrankung wusste, das der Öffentlichkeit aber nicht mitteilte. Was es war, bleibt vielleicht verschlüsselt, kann allenfalls erahnt werden, wird am Ende nur im Angesicht des eigenen Todes in voller Tiefe erfasst. Viele Künstler beschäftigten sich mit morbiden Themen, wenige teilten die Intimität des eigenen bevorstehenden Todes. Eine bemerkenswerte Geste, die David Bowies Lebenswerk ein „Sterbenswerk“ hinzufügt.

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