Archiv für Juli, 2014

Zwei einflussreiche und populäre Musiker sind an diesem Wochenende im Juli 2014 gestorben

Montag, Juli 14th, 2014

Zwei einflussreiche und populäre Musiker sind an diesem Wochenende im Juli 2014 gestorben – und auch wenn sie beide musikalisch aus denkbar äußerst unterschiedlichen Gefilden stammten, wird die Musikwelt doch mit beiden um ein ganzes Stück ärmer.

Tommy_Ramone

Am 11. Juli starb Tommy Ramone mit 65 Jahren nach langem Kampf gegen den Krebs in seinem Haus in New York. Er war das letzte noch lebende Gründungsmitglied der legendären Punkband Ramones. Für viele gelten die Ramones als die Erfinder der Punkmusik überhaupt – und an ihrem speziellen Stil und Sound hatte Tommy Ramone wesentlichen Anteil.
Ursprünglich sollte er die Band allerdings nur managen. Dann aber gestand sich Dee Dee Ramone ein, dass er nicht gleichzeitig singen und Bass spielen konnte. Also wurde Drummer Joes Ramone kurzerhand neuer Lead-Sängerm, stellte aber bald fest, dass er wiederum nicht gleichzeitig singen und Schlagzeug spielen konnte. Ein neuer Drummer musste also her. Bandmanager Thomas Erdely – wie der gebürtige Ungar mit bürgerlichem Namen hieß – setzte sich beim Casting für einen neuen Schlagzeuger immer öfter kurz ans Drumset, um den Bewerbern zu demonstrieren, wie die Songs funktionierten – und schnell war klar, dass keiner das Schlagzeug besser zu traktieren wusste, als Erdely selbst. So wurde es Thomas Erdely Tommy Ramone, und sein harter, treibender und rasanter Rock-Beat wurde zum Inbegriff des Punksounds.
Nach nur vier Jahren und Hits wie „Blitzkrieg Bop“ oder „Sheena Is A Punkrocker“ verließ Tommy Ramone die Band wieder – sein geerdeter, regelhafter Lebenswandel passte einfach nicht zum überdrehten Lifestyle der anderen Bandmitglieder, „zu normal“ nannte ihn Dee Dee Ramone. Doch trotz vieler Differenzen blieb Tommy Ramone seinen Ex-Bandkollegen immer mit Respekt verbunden; noch 2007, nachdem die Band in die Rock’n’Roll Hall of Fame eingeführt worden war, sagte er über die anderen drei bereits verstorbenen Gründungsmitglieder: „Sie haben immer alles gegeben was sie geben konnten, bei jeder einzelnen Show. Sie waren keine Typen, die einfach nur Dienst nach Vorschrift gemacht hätten.“
So ein Typ war Ramone selbst auch nicht: auch nach seinem Ausstieg bei den Ramones blieb er kreativ und aktiv im Musikbusiness: als Produzent und Sound-Ingenieur brachte er zahlreiche Alben mit auf den Weg, unter anderem „Tim“ von den Replacements und „Neurotica“ von Redd Kross. Zuletzt versuchte Ramone sich im Bluegrass: „Traditioneller Country und Punk haben eine Menge gemeinsam,“, sagte er, „beide sind enorm geerdet, und beide sind eher handgemacht als einstudiert. Jeder kann sich ein Instrument schnappen und mitspielen.“ Tja, sicher ist, dass mit seinem enormen Einfluss auf den Punkrock Tommy Ramone schon ganze Generationen von jungen aufmüpfigen Musikern dazu gebracht hat, sich einfach ein Instrument zu schnappen und mitzuspielen. Und allein dafür kann man doch nur sagen: Hut ab und vielen Dank, Tommy!

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Am 13. Juli musste die Musikwelt nun Abschied nehmen von einem ihrer ganz Großen: Lorin Maazel, Dirigent und Komponist, starb im Alter von 84 Jahren an den Folgen einer Lungenentzündung. Man wird sich heute kaum noch daran erinnern, aber der Grandsigneur der klassischen Musik begann seine Karriere dereinst als Wunderkind: mit neun Jahren bei der New Yorker Weltausstellung stand der kleine Franko-Amerikaner in kurzen Hosen am Pult, mit einem Dirigentenstab, der fast länger war als der kleine Kerl. Die Kinderschuhe ließ Maazel aber in jeglicher Hinsicht bald hinter sich.

Doch zuerst machte er noch einen dieser kleinen Umwege, von denen die meisten großen Karrieren profitieren: statt aufs Dirigieren verlegte er sich aufs Geigenspiel. Nach vier Jahren Orchesterdienst in den zweiten Violinen beim Pittsburgh Symphony Orchestra verhinderte eine Erkrankung seine Teilnahme an einem Violinwettbewerb – und Maazel besann sich zurück zum Dirigentenpult.

Viele Musiker dankten ihm später diesen kleinen Ausflug in den Orchestergraben: Maazel galt, anders als viele Dirigentenkollegen, im Orchester als „einer von uns“, einer der aus Erfahrung wusste, was ein Musiker von seinem Dirigenten braucht. Sein Dirigat war stets ungeheuer präzise, transparent und eindeutig. Im Konzert verzichtete Maazel auf jeglichen Schnickschnack und jede Show, reduzierte seine Bewegung auf ein Minimum, stand oft lässig ans Geländer gelehnt, nur die nötigsten Zeichen gebend, und ließ dem Orchester freie Bahn. Dafür liebten ihn viele Musiker, und verziehen ihm auch seine enorme Strenge im Probenbetrieb und Detailversessenheit vor allem im Rhythmischen. Das Resultat: Maazels unverkennbarer, brillanter und farbenprächtiger Klang, den jedes Orchester unter ihm plötzlich wie von selbst entwickelte, dabei aber ungeheuer scharf geschnitten und exakt ausgeführt.

Die Liste der Orchester, die Maazel im Lauf seiner langen Karriere als Chefdirigent verpflichteten ist lang – Deutsche Oper Berlin, Cleveland Orchestra, Orchestre National de France, Wiener Staatoper, Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks – und sie wurde immer länger: selbst mit über 80 Jahren wurde Maazel immer noch engagiert, zuletzt von den Münchner Philharmonikern. Er galt damit nicht nur als einer der ältesten aktiven Spitzendirigenten, sondern auch als einer der teuersten. Zu Recht.

Besonders in Erinnerung bleiben sollte der Maestro aber für sein selbstloses Engagement: mit „Classic Aid“ organisierte er auf eigene Faust ein Benefiz-Event mit klassischer Musik als Pendant zu Bob Geldofs Live Aid, und um sein Castleton Festival zur Förderung junger Künstler zu finanzieren, versteigerte er kurzerhand seine Guadagnini-Geige, die ihn seit seiner Kindheit begleitet hatte.

Lorin Maazel – einer der für die Musik lebte, aber eben auch für andere.

Oscar Peterson in den MSM-Studios

Mittwoch, Juli 9th, 2014

Nicht unerwähnt soll eine Veranstaltung bleiben, die sich im Rahmen der diesjährigen High End-Messe in München zutrug und zu deren illustren Gästen sich glücklicherweise auch Da capo zählen durfte: in den MSM-Studios in der Münchner Theresienstraße fand eine Präsentation zur gerade bei edel erschienenen Oscar Peterson-Box, genauer, zum Remastering-Prozess der Original-MPS-Aufnahmen statt.

Die Gastgeber Dirk Sommer (Netmagazin Hifistatement) und Dirk Mahlstedt (edel:kultur) begrüßen die Gäste.

Die Gastgeber Dirk Sommer (Netmagazin Hifistatement) und Dirk Mahlstedt (edel:kultur) begrüßen die Gäste.

Seit den frühen 60er-Jahren entstanden am Rande des Schwarzwaldstädtchen Villingen im Studio des Musikproduzent Hans Georg Brunner-Schwer unzählige Aufnahmen bei dessen legendären “Hausparties”, deren bloße Erwähnung bis heute Jazzliebhaber ehrfurchtsvoll schwärmen lässt. Jazzgrößen aus In- und Ausland wie Oscar Peterson, Monty Alexander, Count Basie, Ella Fitzgerald, Bill Evans oder Albert Mangelsdorff spielten hier in familiärer Atmosphäre vor einem handverlesenen Publikum und wurden dabei in überragender Qualität aufgezeichnet – selbst wenn zunächst keine spätere Veröffentlichung auf Brunner-Schwers MPS-Label geplant war. Im Januar 2014 erwarb nun edel:kultur die Rechte an umfangreichen MPS-Katalog und kündigte an, diesen unter dem Titel “Reforest The Legend” Stück für Stück wieder zugänglich zu machen – in bestmöglicher audiophiler Qualität, versteht sich.

Stickel_Studio

Christoph Stickel im MSM-Studio.

Der Grundstein dieser Reihe wurde nun mit der alle sechs MPS-Alben umfassenden Oscar Peterson-Box gelegt und anlässlich deren Veröffentlichung am Samstagabend während der High End in die MSM-Studios geladen. Nach einer kurzen Begrüßung und Einführung durch die beiden Gastgeber Dirk Mahlstedt (General Manager edel:kultur) und Dirk Sommer (Herausgeber des Netmagazins Hifistatement) ging es auch schon los und die gespannten Zuhörer durften das Innere des Studios betreten, wo Toningenieur Christoph Stickel, bekannt durch etliche ECM-Remasterings (u. a. Keith Jarretts “Köln Concert”), sie bereits erwartete. Zunächst präsentierte dieser eine 1:1-Kopie des Originalbands, welche die klangliche Brillanz der Aufnahme aufzeigte. Doch bereits die Herstellung der ersten Kopie hatte sich als große Herausforderung erwiesen, denn es lagen weder Pilotton noch Unterlagen zur Tonkopfjustage für die Originalbänder vor. Weiter lenkte Stickel bei erneutem Hören die Aufmerksamkeit auf diverse kleinere Fehler, wie ein zu spät eingeschaltete Mikrophone oder das Übersteuern des Basses, und demonstrierte, wie durch heutige Digital-Technik dies alles “behoben” werden konnte. Dies war faszinierend, der Klang nun modern, schnörkellos, doch deutlich war zu spüren, wie sehr sich die Aufnahme nach solch harschen Eingriffen vom Geist der ursprünglichen unterschied.

Christoph Stickel erläutert den Remastering-Prozeß.

Christoph Stickel erläutert den Remastering-Prozeß.

Werktreue war jedoch das oberste Gebot dieses Remasterings und dementsprechend behutsam wurde tatsächlich vorgegangen, bewusst auf Korrekturen verzichtet, um die Authentizität zu wahren. Christoph Stickel verdeutlichte die Unterschiede an Hörbeispielen und beschrieb leidenschaftlich den unglaublichen Aufwand des tatsächlichen vollständig analoge Remastering-Prozesses, den er gemeinsam mit Dirk Sommer betrieben hatte. Überhaupt war allen Beteiligten des Projekts die Liebe an ihrer Arbeit deutlich anzumerken. Dass die Mühe sich mehr als nur gelohnt hat, darin waren sich am Ende alle einig. Tief beeindruckt von der Demonstration ließ man den Abend bei einem gemeinsamen Essen mit vielen audiophilen Gesprächen bis in die späte Nacht ausklingen und freute sich auf viele weitere “Reforest The Legend”-Veröffentlichungen.