Archiv für Februar, 2014

“Where have all the flowers gone…?”

Samstag, Februar 1st, 2014

Pete Seeger

…möchte man Pete Seeger, der vergangenen Montag im Alter von 94 Jahren gestorben ist, ein letztes Mal fragen. Der international erfolg- und einflussreiche Folksänger hatte dieses Lied 1955 auf einer Flugreise geschrieben, inspiriert von einem ukrainischen Volkslied. Er griff dabei die Idee des Kettenliedes auf, in dem der letzte Gedanke einer Strophe in der folgenden Strophe weitergesponnen wird, und nahm mit seinem Text kritisch Stellung zum immer wiederkehrenden Kreislauf des Krieges. Auch das Lied selbst hatte durch die Interpretation durch verschiedenste Künstler eine gewisse Kettenwirkung: es wurde um einige Strophen verlängert und unter anderem von Peter, Paul and Mary, dem Kingston Trio, Hildegard Knef, Juliane Werding, Marlene Dietrich und Reinhard Mey in verschiedenen Sprachen eingespielt und avancierte zu einer internationalen Antikriegshymne.

Dieser Song ist nur ein Beispiel für Seegers politischen und musikalischen Einfluss. Der Künstler, der 1919 in Patterson (New York) als Sohn des Musikwissenschaftlers Charles Seeger und der Geigenlehrerin Constance de Clyver Seeger zur Welt kam, engagierte sich Zeit seines Lebens für Minderheiten, für Bürgerrechte, Freiheit und Frieden. Nach einem abgebrochenen Soziologiestudium an der Harvard University begann er sich mit amerikanischen Volksliedern und Südstaatenblues zu beschäftigen. 1941 gründete er mit Woody Guthrie, Lee Hays und Millard Lampell die Band „The Almanac Singers“, deren erstes Album die Antikriegsplatte „Songs for John Doe“ war. Acht Jahre später begann mit Lee Hays, Ronnie Gilbert und Fred Hellermann die Geschichte von „The Weavers“, die als erste Folk-Band so erfolgreich waren, dass sie sich wochenlang in den amerikanischen Charts halten konnten.

Seeger war auch als Autor und Herausgeber tätig, 1950 erschien die Erstausgabe seines Folk-Magazins „Sing Out!“, das Vorbild für viele weitere ähnliche Formate war, außerdem verfasste er mehrere Bücher über Folkmusik, Balladen und Banjo-Spieltechnik. Seine bevorzugten Instrumente waren  sein Banjo sowie eine zwölfsaitige Akustikgitarre.

Wegen seines politischen Engagements, das unter anderem die Unterstützung der Arbeiterbewegung sowie der Amerikanischen Bürgerrechtsbewegung einschloss, wurde Pete Seeger 1955 vor das „Komitee für unamerikanische Umtriebe“ zitiert, wo er die Aussage verweigerte. Er wurde daraufhin zu zehn Jahren Haft verurteilt und zusätzlich nach der Haft von vielen Medien boykottiert. Dennoch avancierte er in den 60er Jahren durch seinen Einsatz für amerikanische Minderheiten zum Helden des wieder populär werdenden Folks. Mehrmals trat er in dieser Zeit beim Newport Folk-Festival auf, dessen Mitbegründer er auch war.

Seeger engagierte sich auch für Umweltschutz, so war er 1969 Mitbegründer der Umweltorganisation „Clearwater“. Für sein vielseitiges Engagement wurde er mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit einem Grammy für sein Lebenswerk und den „Freemuse“-Award der gleichnamigen Menschenrechtsorganisation.

Bis ins hohe Alter blieb Seeger musikalisch und politisch aktiv und sang beispielsweise noch 2009 beim „We are one“-Open-Air Konzert anlässlich Barack Obamas Amtseinführung.

Es können wohl nur wenige Künstler von sich behaupten, sich über fast ein Jahrhundert lang gewaltfrei und nur durch das Medium der Musik und der Worte für so elementare Werte wie Freiheit, Gleichberechtigung und Unabhängigkeit engagiert zu haben. Hut ab vor so viel Idealismus und Durchhaltevermögen! Und danke für eine der schönsten Balladen über eins der grausamsten Menschheitsthemen:

„Where have all the graveyards gone? Gone to flower everyone. When will they ever learn, when will they ever learn?”