Archiv für September, 2013

Nachruf Paul Kuhn

Mittwoch, September 25th, 2013

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Am 23. September verlor die Musikwelt mit Paul Kuhn einen der wichtigsten deutschen Musiker. Über seine durchaus abwechslungsreiche Karriere sagte Kuhn selbst: “Ich habe immer Unterhaltungsmusik gemacht. Und manchmal ist es mir gelungen, ein wenig Jazz einzuschmuggeln.” Na, Paulchen, verkauft sich da nicht jemand ein bisschen unter Wert? Wer die German Jazz Trophy, den German Jazz Award und den Jazz-ECHO für’s Lebenswerk bekommen hat, der hat sicher mehr getan, als “ein wenig Jazz einzuschmuggeln”. Aber klar, das große Geld kann man mit Jazz schon lange nicht mehr machen, und in Deutschland nach dem Krieg konnte man es schon gar nicht. Gut, unter den amerikanischen GIs, für die Kuhn musizierte, musste er zwar nicht mehr fürchten, wegen einer Vorliebe für “entartete Musik” verhaftet zu werden, wie 1943, als er wegen des Todes von Jazzpianist Fats Waller mit einer schwarzen Armbinde durch Wiesbaden lief, aber zum Leben reichte der Jazz trotzdem nicht.

Und dann kam 1954 der langersehnte Plattenvertrag – allerdings als Schlagersänger. “Der Mann am Klavier” ist bei allen Verdiensten um den Jazz wahrscheinlich bis heute Paul Kuhns Erkennungsmelodie. Dicht gefolgt von “Es gibt kein Bier auf Hawaii”. “Musikalische Nullnummern” nannte Paul Kuhn seine Stimmungsschlagerhits später in schonungsloser Selbstkritik. Aber wir wollen mal nicht so sein: einen Schlager schreiben, an den sich die Leute noch 50 Jahre später erinnern können, da gehört schließlich auch einiges dazu. Und die sympathische Art, mit der Paulchen, der kleine Mann am Klavier, sich und seine Musik präsentierte, brachte ihm schnell feste Plätze im Unterhaltungsfernsehen und vor allem als Sidekick der großen Entertainer und Showmaster seiner Zeit ein wie Peter Alexander oder Harald Juhnke.

Der Jazz lief so nebenher, aber durchaus nicht ohne Erfolg, 1968 wurde Kuhn zum Leiter der SFB-Big-Band, gab zuweilen Konzerte in kleineren Combos. Erst 1980 kam der böse Karriereknick: die SFB-Big-Band wurde aus Kostengründen aufgelöst, Kuhns Plattenvertrag gekündigt, seine Ehe ging in die Brüche. Die große Zeit des Schlagers war ohnehin vorbei, also warum nicht einen Neuanfang machen und sich endlich ganz dem Jazz widmen?

Und plötzlich wurde der deutschen Jazzszene klar, dass man den “Mann am Klavier” eine ganze Zeit lang arg unterschätzt hatte. Mit einem klasse Jazztrio, einer eigenen Big Band und diversen All-Star-Combos ging Kuhn immer wieder auf Tour, füllte zusammen mit Max Greger und Hugo Strasser unter dem Titel “Swing-Legenden” Konzertsäle, und mit Platten wie “Blame It On My Youth”, “Live At Birdland” oder “Young At Heart” begeisterte er die Jazzfans.

“Ich habe mit dem Jazz angefangen, und deswegen möchte ich auch gerne alles mit dem Jazz beenden” sagte der inzwischen 85jährige. Dass er sein letztes Album, “The L. A. Session”, in den legendären Capitol Studios in Los Angeles aufnehmen durfte, ist daher ein richtig passender Abschluss für eine große Karriere. Beinahe blind war Kuhn zuletzt, konnte nicht mehr ohne Hilfe auf der Bühne zum Klavier gehen – aber die Finger tanzten über die Tasten wie eh und je. Young at heart eben. Mach’s gut, Paulchen.