Archiv für Juli, 2013

Der Anti-Held des Rock’n’Roll ist gestorben

Montag, Juli 29th, 2013

J.J._CALE

In einem Interview sagte J. J. Cale einmal: “Bei meinem Lebenswandel kann ich mir nicht vorstellen, fünfundsiebzig Jahre alt zu werden.” Eine Punktlandung, so zynisch und schwarzhumorig wie manche seiner Songs: J. J. Cale starb am 26. Juli 2013 –  fünf Monate vor seinem fünfundsiebzigsten Geburtstag.

J. J. Cale gehörte zu den “unberühmten Berühmtheiten”: jeder kennt ihn, kaum jemand weiß etwas über ihn. Musiker wie Mark Knopfler, Eric Clapton, Lynyrd Skynyrd, Deep Purple, Santana, Johnny Cash, Bryan Ferry – sie alle coverten Cales Songs, nannten ihn als eines ihrer Vorbilder – Neill Young  nannte ihn gar in einem Atemzug mit JimiHendrix als besten E-Gitarristen überhaupt. Und doch: Der gewaltige kommerzielle Erfolg seiner Nachahmer blieb Cale meist verwehrt, einschlägige Internet-Lexika wissen meist nur ein paar dürftige Absätze zu seiner Musik und Biographie zu berichten, selbst über seinen vollständigen Namen herrscht Uneinigkeit (John Weldon, oder doch Jean-Jacques?).

Sucht man dort nach treffenden Analysen von Cales ganz eigenem Sound, so tut man sich schwer. Die hybride Mischung aus Blues, Country, Rockabilly und auch ein wenig Jazz wird dann oft mangels passender Kategorien mit der etwas bemühten Bezeichnung “Tulsa Sound” (nach J. J. Cales Geburtsstadt in Oklahoma) benannt. Cale selbst allerdings meinte dazu einmal: “Eigentlich gibt es gar keinen ‘Tulsa Sound’, wir wollten einfach nur Blues spielen, und wussten aber nicht richtig, wie das geht.”

Genau diese Form von Selbstunterschätzung, Understatement und Bescheidenheit war es immer, die Cale auszeichnete, als Person wie als Musiker. Beim Musiker macht sich das in seinem punktgenauen, reduzierten Gitarrenspiel und seinem nasalen, entspannten und unaufgeregten Gesang bemerkbar; beim Menschen J. J. Cale in seinem steten Rückzug aus der Öffentlichkeit, seiner Selbstdarstellung als “Toningenieur und Hobby-Songschreiber” (tatsächlich mischte Cale alle seine Alben selbst ab, und spielte meist auch fast alle Instrumente selbst), seinem Lebensstil in einem alten Wohnwagen, ohne Bankkonto und ohne Rockstar-Allüren.

Aber diesem zurückhaltenden “Hobby-Songschreiber”, der erst mit 33 Jahren sein erstes Solo-Album aufnahm, verdanken wir Songs wie “Cocaine”, “After Midnight” und “Same Old Blues”, und großartige Songwriter-Alben wie “Naturally” oder “Guitar Man”.

Zuletzt war Cale als Gaststar auf Eric Claptons großem Freundeskreis-Album “Old Sock” zu hören, eine kleine Verneigung Claptons vor dem Mann, der ihm seinen größten Hit “Cocaine” geschrieben hatte. Vom Schreiben und Aufnehmen eigener Alben hatte sich Cale zuletzt zurückgezogen. Er hatte geheiratet, den alten Wohnwagen gegen ein kleines Landhaus eingetauscht. Das stille Ende eines stillen Mannes. Was bleibt sind vierzehn tolle Studio-Alben und der Tulsa Sound. Den es ja eigentlich gar nicht gibt.

Montag, Juli 8th, 2013

Seit dem 1. Juli 2013 ist es offiziell: das Label Parlophone gehört jetzt zur Warner Music Group. Parlophone ist damit das dienstälteste Label im Warner-Verbund: 1896 gründete der Schwede Carl Lindström (für dessen Nachnamen das verschnörkelte “L” als Firmenlogo stand) mit “Parlophon” einen der ersten international agierenden Schallplatten-Konzerne überhaupt. Dann kam 1926 die Übernahme durch Columbia, und 1931 durch EMI. Unter Columbia spezialisierte sich Parlophone auf Jazzplatten: Ausgaben amerikanischer Aufnahmen für den britischen bzw. europäischen Markt unter dem Titel “Rhythm Style Series” brachten Jazzlegenden wie Louis Armstrong, Duke Ellington oder Bix Beiderbecke nach Europa.

Als Teil von EMI produzierte Parlophone lange Zeit hauptsächlich Hörbücher – bis 1962 die Beatles bei EMI unter Vertrag genommen wurden. Bis heute einer der erfolgreichstenDeals im der Geschichte des Musik-Business. Bis die Beatles 1968 mit Apple Records ihr eigenes Label gründeten, purzelten bei Parlophone nur so die Rekorde: meistverkaufte britsche Single aller Zeiten, meistverkauftes britisches Album aller Zeiten, sieben Singles auf Platz 1 in nur einem Jahr – alles mit den Beatles.

Seither mauserte sich Parlophone zu einem Label mit einer mehr als beachtlichen Liste vorwiegend britischer Pop- und Rock-Künstler: Die Pet Shop Boys, Pink Floyd, David Bowie, Paul McCartney, Radiohead, Iron Maiden, Coldplay, Jethro Tull, aber auch Edith Piaf, Itzhak Perlman und Maria Callas kamen bei Parlophone unter.

Nachdem EMI im Jahr 2011 zerschlagen und größtenteils von Universal Music aufgekauft wurde stellte die Federal Trade Commission die Bedingung, dass Parlophone als Plattenlabel separat verkauft werden müsse; man fürchtete sonst eine zu große Marktmacht bei Universal. So konnte sich also mit Warner Music ein anderer der “big three” (Universal, Sony, Warner) das traditionsreiche Parlophone-Label sichern, und mit ihm eine fast 120jährige Geschichte, eine Unmenge an legendären Veröffentlichungen und eine beeindruckende Musiker-Riege.