Archiv für Januar, 2013

Nachruf Claude Nobs

Dienstag, Januar 22nd, 2013

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Eigentlich schade, dass man sich des Werts von Menschen oft erst bewusst wird, wenn sie gestorben sind. Leider gibt uns nun schon wieder der Tod Anlass, über jemanden nachzudenken.

Damit sich der Leser nicht fühlt, als ob er in der Zeitung die Rubrik „Todesanzeigen“ durchblättert, soll der Fokus hier nicht auf dem Tod, sondern auf dem überaus ertragreichen Leben und Wirken des Schweizer Kulturmanagers und Mitbegründers des „Montreux Jazz Festival“ Claude Nobs liegen. 1936 in Territet geboren, machte Nobs zunächst eine Ausbildung zum Koch, bevor er Anfang der 60er Jahre im Fremdenverkehrsbüro von Montreux zu arbeiten begann. Bald wurde sein Talent zur Kommunikation und Organisation offensichtlich, beispielsweise als er die Rolling Stones für ihr erstes Konzert außerhalb von Großbritannien 1964 nach Montreux holte. Auch Roberta Flack und Aretha Franklin traten ihren ersten Europabesuch auf Einladung von Nobs in Montreux am Genfer See an.

1967 veranstaltete Claude Nobs zum ersten Mal zusammen mit Géo Voumard und René Langel das „Montreux Jazz Festival“, das im Laufe der Jahre zu einer einzigartigen Plattform nicht nur für Jazz, sondern für Musik aller denk- und undenkbaren Genres werden sollte.

Eine weltweite Institution wurde dieses Festival nicht nur durch die Auftritte von Größen wie Ella Fitzgerald, Count Basie, Led Zeppelin oder Simon & Garfunkel, sondern auch durch die Tatsache, dass sich Musiker verschiedenster Stilrichtungen zu gemeinsamen Jamsessions auf die Bühne wagten. Bei diesen musikalischen Grenzgängen war meist Claude Nobs der „Anstifter“, da er mittels seines diplomatischen Geschicks und seiner außerordentlichen Gastfreundschaft in der Lage war, seine Künstler in so gute Stimmung zu versetzen, dass sie sich gern auf solche Wagnisse einließen. Bisweilen entstanden bei solchen Sessions auch neue Songs, wie zum Beispiel der Hit „Under Pressure“ von Queen und David Bowie.

Legendär ist auch Nobs‘ Mithilfe bei der Evakuierung des brennenden Casinos von Montreux 1971 vor einem Auftritt von Deep Purple im dortigen Festsaal. Die Band widmete diesem Ereignis später den Song „Smoke on the water“ und verhalf Claude Nobs mit der Erwähnung als „Funky Claude“ in einer Textzeile zu einem geläufigen Spitznamen.

Man kann also durchaus behaupten, dass Claude Nobs in den vielen Jahren seiner Leitung des „Montreux Jazz Festival“ nicht nur Raum für Kreativität geschaffen hat, sondern sich auch selbst künstlerisch-kreativ „verwerten“ ließ. Darüber hinaus ließ er es sich nicht nehmen, auch selbst kreativ zu werden, so begleitete er beispielsweise Deep Purple im Jahr 2006 auf der Mundharmonika bei einer Zugabe.

Kritiker werfen Nobs vor, er habe sein Festival zu sehr der Rock- und Popmusik geöffnet und sei dadurch vom ursprünglichen musikalischen Anspruch abgerückt. Diesen Vorwürfen kann man nur entgegensetzen: Claude Nobs war ein Mensch, der sein Leben der musikalischen Kreativität anderer gewidmet hat, der es möglich gemacht hat, dass sich Musiker aus verschiedenen Kontinenten und Genres trafen und gegenseitig inspirierten. Dass er sich dabei nicht von Schubladen und Kategorien, in die man Musik einordnen kann, irritieren ließ, ehrt ihn und lässt eine aufrichtige Unvoreingenommenheit erkennen, die man im Musikgeschäft nur allzu oft vermisst.

„Funky Claude“ Nobs starb am 10. Januar im Alter von 76 Jahren an den Folgen eines Skiunfalls.